Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
Grenzen sind bei genauerer Betrachtung selten jene scharfen Linien, als die wir sie in unserer Sehnsucht nach Ordnung gerne definieren. In der Natur existiert die exakte Linie nicht; der Übergang vom Festland zum Wasser ist von den Gezeiten bestimmt und der Übergang vom Tag zur Nacht ist ein Prozess der Dämmerung. Selbst das, was unser Auge als scharfe Kante wahrnimmt, entpuppt sich unter dem Elektronenmikroskop als atomare Unschärfe.
Die Grenze ist kein Strich, sie ist ein Raum – eine Zone des Übergangs, der Vermischung und der Unsicherheit. Dieses Phänomen der Unschärfe erleben wir derzeit nicht nur physikalisch, sondern vor allem gesellschaftlich in einer nie dagewesenen Intensität. Wir befinden uns in einem permanenten Aushandlungsprozess, oft einem schmerzhaften Ringen, zwischen dem Anspruch auf absolute individuelle Freiheit und den zwingenden Notwendigkeiten, die eine funktionierende Gemeinschaft bedingt.
Wo endet die Autonomie des Einzelnen, und wo beginnt die Verantwortung für das Kollektiv? Diese Frage polarisiert, sie schafft Reibung und sie fordert uns täglich heraus, den schmalen Grat zwischen Selbstverwirklichung und Solidarität neu zu vermessen. Es scheint, als sei der gesellschaftliche Konsens darüber, wo die rote Linie verläuft, selbst zu einer variablen Grauzone geworden.
Diese gesellschaftliche Debatte macht vor den Schleusen unserer Operationssäle nicht halt. Im Gegenteil: Unser diesjähriges Kongressmotto „Wo sind die Grenzen?“ ist mehr als eine topographische Frage nach anatomischen Strukturen. Es ist die zentrale Frage unseres modernen chirurgischen Selbstverständnisses. Denn auch in unserer Disziplin müssen wir feststellen, dass die Grenzen unscharf bleiben.
Besonders dramatisch erleben wir den Verlust scharfer Linien in der Indikationsstellung. Die einstige Binärlogik von ‚operabel‘ und ‚inoperabel‘ hat sich aufgelöst. Heute wagen wir uns an Eingriffe bei hochbetagten und multimorbiden Menschen, die noch vor einem Jahrzehnt als absolute Kontraindikation galten – einfach, weil die medizinischen Möglichkeiten es ermöglichen. Noch deutlicher verschiebt die moderne Onkologie die Grenzen: Patienten mit fortgeschrittenen Tumoren, denen früher nur die Palliativmedizin blieb, erfahren heute eine Chronifizierung oder gar Heilung, die chirurgische Optionen gänzlich neu bewerten lässt. Die Grenze zwischen lebensrettender Intervention und technokratischer Machbarkeit ist nicht mehr im Lehrbuch zu finden; wir müssen sie jeden Tag neu, nicht mit dem Skalpell, sondern mit unserem ethischen Gewissen ziehen.
Wir erleben unscharfe Grenzen in der Technologie, wo die Robotik und die künstliche Intelligenz zunehmend in den manuellen Hoheitsbereich der Chirurgin und des Chirurgen vordringen. Wo endet die Assistenz, und wo beginnt die Delegation der Entscheidung an den Algorithmus?
Und schließlich bleiben die Grenzen auch in der Ressourcenverteilung unscharf. In einem solidarischen Gesundheitssystem müssen wir uns der unangenehmen Frage stellen, wie wir begrenzte Mittel bei unbegrenzten medizinischen Möglichkeiten gerecht verteilen, ohne die Menschlichkeit zu verlieren.
Der Österreichische Chirurgiekongress 2026 soll ein Forum sein, um diese Zonen des Übergangs zu beleuchten. Lassen Sie uns nicht nur über Schnittführungen sprechen, sondern auch über jene Linien, die wir in unseren Köpfen und in unserem ethischen Handeln ziehen müssen. Ich lade Sie herzlich ein, gemeinsam zu diskutieren und so vielleicht – ganz im Sinne der Wissenschaft – die eine oder andere Grenze neu zu definieren.
Ich freue mich auf Ihr Kommen,
Sebastian Roka

